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Die Ratten ist eine Tragikomödie in fünf Akten von Gerhart Hauptmann.

Handlung Bearbeiten

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Das Theaterstück hat in aller Kürze folgende Handlung.

I. Exposition Bearbeiten

Hassenreuter trifft auf Spitta und A. Rütterbusch.

Frau John möchte das ungeborene Kind des schwangeren Dienstmädchens Pauline Pieperkarka abkaufen. Eine Art Versteckspiel findet auf dem Dachboden statt.

II Akt Bearbeiten

Frau John und ihr Mann Paul im Kinderglück.

Erich Spitta möchte sein Theologiestudium aufgeben um Schauspieler zu werden. Spitta ist in die Tochter des ehemaligen Theaterdirektors, Walburga, verliebt.

Die eigentliche Kindsmutter Pauline Pieperkarka verlangt von Frau John die Rückgabe des Kindes, dass sie dort angeblich in Pflege geben habe.


III Akt Bearbeiten

Spitta und Hassenreuter diskutieren über die unterschiedlichen Epochenauffassungen der Dramentheorie.

Auf dem Dachboden der Mietskaserne werden die Spuren einer Geburt entdeckt.

Der hartherzige Pastor Spitta, Vater des jungen Schauspielschülers Erich, deckt die Beziehung zwischen Walburga und Erich auf.

Pauline Pieperkarka verwechselt ihren Sohn mit dem Kind der drogensüchtigen Frau Knobbe: Das Kind stirbt an den Folgen der Unterernährung.ml

IV Akt Bearbeiten

Herr John erfährt von jüngsten Ereignissen.

Seine Frau kehrt verwirrt zurück. Ihr Bruder Bruno tritt später hinzu und gesteht ihr den Mord an dem Dienstmädchen Pauline Pieperkarka, welches er auf ihr Geheiß hin eigentlich hätte einschüchtern, aber nicht töten sollen.

V Akt Bearbeiten

Erich und Walburga proben die Auflehnung gegen die väterliche Autorität des ehemaligen Theaterdirektors. Frau Hassenreuter hat ihren Mann inzwischen zur Einwilligung überredet. Dieser habe ferner eine Stelle in Straßburg in Aussicht.

Der Mord an Pauline Pieperkarka durch Bruno und der Kindesraub von Frau John werden aufgeklärt. Frau John begeht daraufhin Selbstmord.

Aufbau Bearbeiten

  • Auflösung/Aufgabe des strengen Aufbau nach klassischer Damentheorie
  • Handelsstränge sind weitgehendst kausal verknüpft, werden gegen Ende zusammengeführt
  • auf ein Ziel strebende Handlung
  • Wiedergabe von Wirklichkeitsausschnitten
    • große Autonomie von Episoden ("verbundene Inseln")
    • Orientierung an gesellschaftlichen Verhältnissen
    • Atmosphäre einer Mietskaserne
    • der vermeintlich ermittelnde Hassenreuther verbindet die Episoden

Figurenkonstellation Bearbeiten

Die ratten

Figurenkonstellation: Die Ratten

Interpretation Bearbeiten

Dieser Abschnitt enthält ein skizzenhaftes Exzerpt aus der ausführlichen Werkvorstellung Gerhard Hauptmann: Die Ratten - Vom Gegensatz der Welten in einer Mietskaserene.[1]

Kindesraub und Mutterinstinkt Bearbeiten

  • Kind des Dienstmädchens als Ersatz für den verlorenen Sohn
  • Motiv der "übersteigerten Mutterliebe" der Frau John: der frühe Kindstod des eigenen Kindes
  • Auszug aus einer Entwurfsnotiz von Hauptmann:
    "Nun wir sie [Frau John] verbrecherisch um eigenes Kind. Ihre Verbrechen sind quasi Geburstwehen: dadurch hat sie sich das Kind zu ihrem eigenen gemacht."
    vgl. mit Aussage aus dem V Akt:
    "det Kind ist mir aus dem Leib jeschnitten! Det Kind is mit meinem Blute erkooft."
  • "Ideologie der Mutterschaft" in Hauptmanns Tagebuch entwickelt: "Wie belanglos ist das meiste, wenn Mutterliebe aus den Urtiefen frisch hervorbricht"[2]
  • "Ideal und Problematik der Mutterschaft begegnen wiederholt schon im Frühwerk Hauptmanns"[3]
    • Rose Bernd: "Brücke" zur "Kindermörderinnentragödie des 18/19. Jahrhunderts"[4]
    • Kontrast: "Unfruchtbarkeit der Städterin [Frau John] in naturferner Mietskaserne" vs. "Naturkraft Roses"[5]
    • beide Protagonistinnen fühlen sich "von Wölfen umgeben"[6]
  • "Hinwendung zur Mutterthematik" habe im "sozial engagieren Flügel"[7] des Naturalismus eines seiner Hauptthemen gefunden.
  • Der Gegensatz von Karl Henckell in Hauptmanns Notizkalender eingeklebt

Schule der Unnatur Bearbeiten

  • Ausdruck geht auf die Figur des Spitta zurück und bezeiht sich auf die Weimarer Klassik insbesondere Schiller und Goethe
  • "latente Ironisierung"
  • Gegensatz: "proletarische-kleinbürgerliche Existenz der Johns" vs. "bildungsbürgerlicher" "Hassenreuter-Kreis"
  • Antithese von "Leben und Kunst, Ideal und Wirklichkeit"[8]
  • Hassenreuter "als Karikatur der Bildungsattitüde"
    • Bindung an Schiller als wiederkehrendes Element
    • klassische Position, Pathos (komische, pardoiert)
    • auch Ausdruck der "Ambivalenz" der naturalistisch geprägten Kunstverständnisses der Zeit Naturalismus
  • historische Schwierigkeit: "ererbte Identität der »Sprache des Theaters« mit der »Sprache des Lebens«"[9]
  • Spitta als "Sprachrohr des Autors": "poetologische Bekenntnisse als implizite Poetik"[10]
    • Hauptmann 1899: "Vor der Kunst, nicht vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich"[11]
    • "grundlegendes Postulat naturalistischer Ästhetik": "Öffnung für die »soziale Frage«"[12]
    • allerdings dürfe die komische Figur des Spittas nicht mit dem Autor gleichgesetzt werden
    • Ausnahme

Ironie und Tragikomödie Bearbeiten

  • in der "Relation der beiden Ebenen", "der primär tragischen Handlungsebene (Frau John)" und "der komödiantisch akzentuierten Ebene" entstehe die "eigentlich tragikomische Qualität"[13]
  • objektive Ironisierung: Beispiel "salomonisches Urteil"
  • der Abstand zwischen der "Ratten-Welt" und der "Sphäre utopischer Gerechtigkeit" werde offenbar[14]
  • Tragikomödie auch Folge literarischer und gesellschaftlich-kultureller Entwicklungen

Großstadtdichtung Bearbeiten

  • Die Ratten von H. Mayer "in die Nähe expressionistischer Großstadtdichtung" gerückt[15]
  • Ambiente (Setting) und "Erzähltechnik des Nebeneinanders" als "Vorahnung künftiger Stadtpoesie"[16]
  • Berlin Alexanderplatz spielt im selben Stadtviertel
  • Hauptmann 1908:
    "Vielleicht kann ich dieser Stadt, wenigstens in einem Werk, einmal den Spiegel vorhalten. Sie muss sich so sehen, wie ich sie sehe […]: erfüllt von Dämonen und Inferno"[17]
  • Berlin im Drama wenig spezifisch, aber die "Großstadt als solche"[18]
    • Atemlosigkeit
    • Lärm (Leierkastenmusik, vgl. Die Geschichten aus dem Wiener Wald
    • irrationale Größe durch atmosphärische Stimmung
    • das "Inferno", die "harmonisierende Darstellung"[19] durch Bruno, als Vertreter des Verbrechertums

Licht und Dunkel, Ordnung und Verbrechen Bearbeiten

  • Möglicherweise: auf "Brüchigkeit der bürgerlichen Fassade" der "wilhelmischen Gesellschaft" und ihre "innere Morbidität" hingewiesen
  • Brunos Physiognomie, die einer Ratte
  • Sauberkeit der Wohnung der Johns ("Idylle geordneter kleinbürgerlicher Verhältnisse"[20]) im Kontrast zur Mietskaserne, insbesondere zu dem Theaterfundus (Dachboden) des Hassenreuter
  • Hassenreuter als "beredeter Advokat der bürgerlichen Ordnung und Moral"[21]
  • zentrales Symbol des Stücks sind die Ratten (auch potitischer Hintergrund: Sozialdemokratie, Sozialisten)
  • Frau John: "Mittelstellung zwischen Bürgerlichkeit und Kriminalität"[22]
  • "Prinzipien der Doppelung, des Nebeneinanders"[23]:
Figur Auftreten Widerspruch
Frau Knobe "Dame von Welt" drogensüchtige Prostituierte
Frau Kielbacke Mitgefühl für Kindestod in Säuglingsheimenen verurteilte "Engelsmacherin"
Hausmeister Quaquaro Polizeispitzel Kontakte zur Unterwelt
nationaler Gesangsverein linientreue Nationalisten "schwere Jungs"

Quellen Bearbeiten

  1. Peter Spregel: Gerhard Hauptmann: Die Ratten - Vom Gegensatz der Welten in einer Mietskaserene, aus Interpretationen: Dramen des Naturalismus, Reclam, Unversalbibliothek, Stuttgart, 1988, S. 243-280
  2. Ebenda, S. 252
  3. Ebenda, S. 252
  4. Ebenda, S. 253
  5. Ebenda
  6. Ebenda
  7. Ebenda
  8. Ebenda, S. 256
  9. Ebenda, S. 259
  10. Ebenda, S. 260
  11. Ebenda
  12. Ebenda
  13. Ebenda S. 265
  14. Ebenda S. 264
  15. Ebenda S. 266
  16. Ebenda S. 267
  17. Ebenda S. 268
  18. Ebenda S. 269
  19. Ebenda S. 271
  20. Ebenda 272
  21. Ebenda 274
  22. Ebenda 275
  23. Ebenda 275-276

Weblinks Bearbeiten


Deutsch
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